Dieses Interview habe ich mit dem Direktor der Stiftung St.Mattäus, dem Pfarrer Hannes Langbein, durchgeführt. Es behandelt Fragen zum Thema Konsumismus aus religöser Sicht. 


Herr Langbein, denken Sie, dass Konsumismus in unserer modernen Gesellschaft Religion ersetzt hat, und wie äussert sich dies? 

Ich denke nicht, dass Konsumismus die Religion ersetzt hat. Aber natürlich besetzt der Konsumismus Bereiche, die traditionell der Religion zugerechnet werden: etwa die Suche nach Glück und Sinn, emotionale Beheimatung. Das Verlockende am Konsumismus ist, dass er Erfüllung nicht nur verheißt  - wie die Religion – sondern auch einzulösen scheint, indem bestimmte Produkte hier und jetzt gekauft und genossen werden können: Ein Duschgel verheißt jugendliche Frische und Attraktivität, ein Auto grenzenlose Freiheit… - Das Komplexe bzw. Anspruchsvolle an der Religion ist ja, dass sie zwar umfassende Erfüllung verheißt, aber ihre Verwirklichung im Sinne eines „noch nicht“ bzw. einer Leerstelle noch aussteht. Zwar kann auch Religion konsumiert werden wie ein Produkt. Doch kommt der Konsum von Religion überall da an seine Grenzen, wo sich die Wirklichkeit Gottes als unverfügbar zeigt.  


Wie lösen sie aus spiritueller oder religiöser Sicht das Probem des übermäßigen Konsumierens?  

Wir befinden uns aktuell in der Passionszeit. Die Passionszeit ist Fastenzeit und setzt damit ein deutliches Zeichen gegen den Konsum. In der Fastenzeit geht es um Verzicht und die bewusste Reduktion von Gütern. Ganze Mönchsgemeinschaften haben sich auf den Verzicht festgelegt und – etwa als Armenorden – ganz versucht, auf weltliche Güter zu verzichten. Noch heute beeindruckt die radikale Askese im Sinne einer Konsumverweigerung. Dabei ist der Verzicht der Fastenzeit natürlich immer auch Versuchung, weil die Reduktion den Hunger nach mehr noch anstachelt. Dazu braucht es dann die Gemeinschaft, um in den allfälligen Versuchungen Kraft zu geben. 


Kann aus Ihrer Sichtweise Konsumismus Spirituallität behindern, und haben Sie in ihrem Beruf schon solche Erfahrungen gemacht? 


Konsumismus kann in der Tat Spiritualität behindern. Denn Konsusmismus richtet sich ganz nach dem eigenen Bedürfnis und dessen Erfüllung, während sich Spiritualität gegenüber dem Fremden bzw. dem Anderen offen hält. Gelebte Spiritualität bedeutet, sich inspirieren zu lassen, d.h. sich einer zunächst fremden Dynamik zu öffnen. Konsum geht da in eine ganz andere Richtung. Denn Konsum sucht und findet das Eigene und versucht es in möglichst unbegrenzter Form zu vervielfältigen. Spiritualität öffnet. Konsumismus verschließt. Nicht zuletzt auch, weil der Konsumismus das Materielle in den Vordergrund stellt und die Spiritualität das Geistige. Das heißt nicht, dass Menschen, die im Bereich der Spiritualität arbeiten, nicht auch von der Haltung des Konsumismus betroffen sind. Es gibt ja einen ganzen Markt der spirituellen Angebote. Da ist es wichtig, die Geister unterscheiden zu können.


Wie sehen Sie den grundlegenden Unterschied der Wirkkraft moderner Ikonenbilder (z. B.  Youtube Stars, Blogger) gegenüber religiösen oder spirituellen Ikonenbildern?


Ikonenbilder – ob es nun genuin religiöse oder moderne Ikonenbilder sind – sind zunächst einmal „starke Bilder“, die ihre Betrachter ganz in ihren Bann ziehen. Das zeichnet Ikonen aus, dass sie eine Präsenz, eine Macht ins Bild setzen, die den Betrachter nicht loslässt. Das gilt im säkularen Bereich insbesondere für Gewaltbilder und pornographische Bilder, die den Blick förmlich bannen und damit arretieren. Im religiösen Bereich lassen sich derart „starke Bilder“ als Ikonen bzw. Kultbilder bezeichnen. Das alttestamentliche Bilderverbot stellt sich genau gegen solche Bilder. Es verbietet nicht Bilder im Allgemeinen, sondern es verbietet Kultbilder, die den Anspruch erheben, die göttliche Wirklichkeit zu vermitteln. Überall, wo derart starke Ansprüche aufgestellt werden, muss man aus religiösen Gründen skeptisch sein. Denn die Wirklichkeit Gottes lässt sich nicht auf ein bestimmtes Medium oder eine bestimmte Gestalt festlegen und schon gar nicht gebrauchen. Die Wirklichkeit Gottes ist und bleibt immer unverfügbar und kann nur empfangen werden. Das ist ein Grundunterschied zum Konsumismus, der nur produzieren kann.


www.stiftung-stmatthaeus.de

 
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